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Xylocopa violacea

(Linnaeus 1758)

Blauschwarze Holzbiene

male Xylocopa violacea - Männchen.
20–25 mm. Abdomen schwarz. Fühlerglieder 11 und 12 gelbrot, das letzte Glied gebogen. Fühlerglied 3 fast so lang wie die nächsten drei Glieder zusammen. Das Mesonotum (Thoraxrücken) ist grau behaart.

male Xylocopa violacea - Weibchen.
22–30 mm. Mittlere Fühlerglieder unten meist gelblich. Tibia 3 außen mit zwei Reihen von Zähnen.

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    male Xylocopa violacea - Männchen
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    male Xylocopa violacea - Weibchen

Regelmäßig erhalte ich Meldungen über vermeintliche Beobachtungen der Schwarzen Mörtelbiene (Megachile parietina) aus Regionen Deutschlands, in denen diese Art aktuell gar nicht vorkommt. Soweit mir die Fernbestimmung aufgrund der Beschreibung oder durch Fotos möglich war, hat es sich bisher stets um Holzbienen gehandelt, die zwar ebenfalls schwarz sind wie die Weibchen der Mörtelbiene, aber deutlich größer und mit einer völlig anderen Nistweise.

Verbreitung

Nordafrika; von Portugal über Süd- und Mitteleuropa bis Zentralasien. In Deutschland lag der Verbreitungsschwerpunkt lange Zeit in den warmen Flußtälern, besonders im Rheintal bis Bonn. In den vergangenen 30 Jahren hat sich die Art deutlich nach Norden und Nordosten ausgebreitet. Sie kommt heute auch in Niedersachsen und in Berlin vor (faunistische Literatur in Westrich 2019).

Lebensraum

Das Vorkommen der Art wird durch ein ausreichendes Angebot an Totholz in sonnenexponierten Lagen bestimmt. In Süddeutschland liegt der Siedlungsschwerpunkt in Streuobstbeständen, in Gärten und Parkanlagen. Die Art kommt sowohl außerhalb des Siedlungsbereichs vor, als auch innerhalb von Dörfern und Städten. Die Nester werden in vertikalen oder horizontalen Totholz-Strukturen natürlicher oder anthropogener Herkunft (Äste, Stämme, Pfähle, Gebälk) angelegt.

Birnbaum

Streuobstbestände mit Totholzelementen gehören zum Lebensraumspektrum der Holzbienen.

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Paarung der Blauschwarzen Holzbiene (Xylocopa violacea) am Blütenstand einer Stern-Magnolie. [Großansichten: auf Bild klicken]

Nistweise

Die solitäre Art nistet in selbstgenagten Hohlräumen in abgestorbenem Holz, das trocken und ausreichend mürb, aber noch ziemlich hart, also keinesfalls richtig morsch ist (in einem solchem Substrat nistet Anthophora furcata). (Um das unten abgebildete Nest freizulegen, braucht es ein sehr scharfes Messer und zwei Stunden Arbeit.) Mehrere Holzarten werden genutzt, wobei Laubholz deutlich bevorzugt wird: Apfel (Malus communis), Mandel (Prunus amygdalus), Aprikose (Prunus armeniaca), Pfirsich (Prunus persica), Kirsche (Prunus avium), Birne (Pyrus communis) (100 Jahre alt), Kastanie (Castanea sativa), Maulbeere (Morus), Pappel (Populus), Weiden (Salix), Fichte (Picea abies). Vereinzelt werden in Mitteleuropa auch Baumpilze und sogar Polystyrol-Hartschaumstoff, in Südeuropa Riesenfenchel (Ferula communis) und Agave (Agave americana) genutzt. Das Nest besteht aus einem oder mehreren, oft parallel verlaufenden Gängen, in denen mehrere Brutzellen in linearer Anordnung liegen. Die Gänge können sowohl aufsteigend als auch absteigend angelegt und 60–110 mm lang sein. Die Trennwände bestehen aus abgenagten, mit Speichel verklebten Holzpartikeln. Die Weibchen verteidigen ihr Nest gegen andere Weibchen. Der Larvenproviant hat die Form eines Brotlaibs und liegt der Länge nach der Zellwand an. Die Eier werden auf der Längsseite des Larvenfutters gelegt. Zur Eiablage zwängen sie den Hinterleib zwischen die Zellwandung und den Larvenproviant. Die Larven spinnen keinen Kokon. Die Entwicklung vom Ei bis zur Imago dauert 6–8 Wochen. Die Weibchen sind sehr langlebig und leben bis zu ihrem Tod gemeinsam mit den frisch geschlüpften Nachkommen im Nest. (Literaturzitate in Westrich 2019).

Xylocopa violacea
Xylocopa violacea - Nest in Totholz

Oben links: Eingang zu einem Nest der Holzbiene in einem Pfahl. – Oben rechts: Junge Larve auf dem Proviant. – Unten: Das von mir mit einem scharfen Taschenmesser in dem harten Holz mühsam geöffnete Nest, das in dem oben links gezeigten Pfahl angelegt war. Es zeigt 6 Brutzellen mit dem Larvenfutter und jungen Larven. Die Zwischenwände sind aus Holzgenagsel gebaut.

Xylocopa violacea

So viele Holzspäne fallen an, nachdem drei Weibchen ihre Bruträume ausgenagt haben.

Totholz

Von Holzbienen für die Brutzellen geschaffene Gänge in einem abgestorbenen Baumstamm, der zur Sichtbarmachung durchgesägt wurde. Der Durchmesser der Gänge beträgt 12–14 mm.

Blütenbesuch

Ausgesprochen polylektische und anpassungsfähige Art, die bei uns bisher an Vertretern der folgenden 11 Pflanzenfamilien pollensammelnd nachgewiesen wurde:

  • Actinidiaceae
  • Kiwi (Actinidia sinensis)
  • Asteraceae
  • Nickende Distel (Carduus nutans)
  • Boraginaceae
  • Gewöhnlicher Natterkopf (Echium vulgare)
  • Gewöhnlicher Beinwell (Symphytum officinale)
  • Caprifoliaceae
  • Echtes Geißblatt (Lonicera caprifolium)
  • Convolvulaceae
  • Ackerwinde (Convolvulus arvensis)
  • Fabaceae
  • Luzerne (Medicago sativa)
  • Breitblättrige Platterbse (Staudenwicke) (Lathyrus latifolius)
  • Glyzinie (Wisteria sinensis)
  • Blasenstrauch (Colutea arborensis)
  • Besenginster (Cytisus scoparius)
  • Binsenginster (Spartium junceum)
  • Lamiaceae
  • Rote Taubnessel (Lamium purpureum)
  • Weiße Taubnessel (Lamium album)
  • Garten-Salbei (Salvia officinalis)
  • Aufrechter Ziest (Stachys recta)
  • Deutscher Ziest (Stachys germanica)
  • Strauchiges Brandkraut (Phlomis fruticosa)
  • Malvaceae
  • Stockrose (Althaea rosea)
  • Paulowniaceae
  • Blauglockenbaum (Paulownia tomentosa)
  • Papaveraceae
  • Klatschmohn (Papaver rhoeas)
  • Bastard-Mohn (Papaver hybridum)
  • Orient-Mohn (Papaver orientale)
  • Plantaginaceae
  • Großes Löwenmaul (Antirrhinum majus)

Insgesamt soll die Art mehr als 740 Pflanzenarten aus 85 Pflanzenfamilien als Nahrungsquellen (ohne Differenzierung zwischen Nektar- und Pollenquellen) nutzen.

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    Ein Männchen beim typischen Blütenbesuch an der Glyzinie (Wisteria sinensis), an der man im Frühling regelmäßig Holzbienen antreffen kann.
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    Ein Weibchen bei der Pollenernte am Muskateller-Salbei (Salvia sclarea), der Holzbienen wie ein Magnet anzieht. Der Pollen wird bei diesem Lippenblütler von den Staubbeuteln auf die Oberseite der Biene übertragen, von wo er mit den Mittelbeinen entnommen und in die Transporteinrichtungen umgelagert wird.

Männchen und Weibchen beim Blütenbesuch. [Großansichten: auf Bild klicken]

Xylocopa violacea

Die Staudenwicke (Lathyrus latifolius) ist bei der Holzbiene äußerst beliebt und liefert reichlich Nektar und Pollen.

video Das folgende Video (1 min, 100 MB) zeigt zunächst ein Weibchen, das aus dem für die Aufnahme der Brutzellen ausgenagten Hohlraum das Holzmehl entfernt. Anschließend ist ein Weibchen zu sehen, das am Muskateller-Salbei (Salvia sclarea) in charakteristischer Weise den Pollen erntet. Bei den vergleichsweise großen Blüten entladen die Staubbeutel den Pollen auf die Körperoberseite der Holzbiene, von wo der Pollen mit den Mittelbeinen entnommen und in die Schienenbürste der Hinterbeine umgelagert wird. – Das Video kann auch im Vollbildmodus abgespielt werden. Ohne Ton!

Weitere Informationen zum Blütenbesuch gibt es hier.

Gegenspieler

Bislang sind keine Kuckucksbienen bekannt. Im Mittelmeerraum ist die Keulenwespe Polochrum repandum ein typischer Brutschmarotzer.

Phänologie

Univoltin. Beide Geschlechter erscheinen im Spätsommer und überwintern unverpaart in Höhlungen von Löß- und Lehmwänden und in Mauerspalten. Die Paarung erfolgt erst im folgenden Frühling. Ende April beginnen die Weibchen mit dem Brutgeschäft, das sich bis in den Hochsommer erstreckt. Bisweilen verlassen Männchen und Weibchen an wärmeren Tagen der Monate Januar oder Februar ihr Winterquartier, um z. B. in Wintergärten an Rosmarin oder in Hausgärten an Winterjasmin oder Schneeglöckchen Nektar zu trinken, ein Phänomen, das immer wieder für Aufregung sorgt.

Gefährdung und Schutz

Die wärmeliebende hat sich in den letzten Jahrzehnten in Deutschland deutlich ausgebreitet und ist heute häufiger als z. B. noch in den 1980er Jahren. Eine Gefährdung ergibt sich vor allem aus dem Verlust ihrer Nistplätze. Schutzmaßnahmen müssen sich in erster Linie auf die Erhaltung alter Bäume mit Totholzpartien in sonnigen Lagen (z. B. in Streuobstbeständen und an Waldaußenrändern) konzentrieren, bei gleichzeitiger Vernetzung mit blütenreicher Vegetation vom Frühjahr bis zum Herbst. Alle Nistplätze, auch im Siedlungsbereich, die bekannt werden, auch wenn es sich um Holzbalken von Carports oder einer Pergola handelt, sollten vor Zerstörung bewahrt werden. Mit geeigneten Totholzstrukturen kann man die Art auch im eigenen Garten fördern. Wegen ihrer langen Flugzeit braucht diese große Holzbiene nicht nur ein vielfältiges, sondern auch ein üppiges Blütenangebot mit ausreichenden Pollenmengen (siehe obige Pflanzenliste).

Manche Menschen reagieren ängstlich, wenn sie Holzbienen sehen. Diese sind zwar sehr beeindruckend, wenn sie mit ihrem tiefen Flugton einen Beobachter umfliegen und auch aus der Nähe interessiert beäugen; sie sind aber völlig friedfertig und würden einen Menschen nie attackieren, auch nicht in unmittelbarer Nähe des Nestes. Auch Kinder können diese großen Bienen ohne weiteres beim Nestbau oder Polleneintragen beobachten. Natürlich sollte man die Bienen nicht mit der Hand fangen, was eigentlich grundsätzlich für alle Bienen gilt.

Manchmal tauchen Holzbienen (hier ein Männchen) an sonnigen und etwas wärmeren Tagen der Monate Januar und Februar in Wintergärten auf, um sich dort an den Blüten des Rosmarins zu verköstigen. Sie verkriechen sich anschließend wieder in ihrem Winterquartier, einer Höhlung in einer Hauswand oder dergleichen.

Hier besucht ein Männchen den Winterjasmin (Jasminum nudiflorum). Näheres hierzu auf dieser Tagebuchseite.

Männchen der Holzbiene sind am Thorax und dem ersten Hinterleibs-Segment oft stark mit Milben besetzt, die bei der Paarung auf das Weibchen übertragen werden und so ins Nest gelangen.

Ein Weibchen hat gerade begonnen, in einen Stamm einen Hohlraum für die Nestanlage zu nagen.

Auch der Blasenstrauch (Colutea arborescens) ist als Pollenquelle bei der Holzbiene sehr beliebt.

Der Thoraxrücken dieses Weibchens ist völlig mit dem dunkelgelben Pollen der Passionsblume eingestäubt. Im Mittelmeerraum, wo diese Aufnahme entstand, ist die Holzbiene ein wichtiger Bestäuber der Passiflora incarnata