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Die Steinhummel - Das Insekt des Jahres 2005
Bestäubung

Mit Ausnahme der Honigbiene läßt sich keine der anderen heimischen Bienenarten und somit auch keine Hummelart als Honigproduzent nutzen. Auf der anderen Seite haben diese Blütenbesucher aufgrund ihrer Vielfalt, ihrer Verbreitung von der Ebene bis in die Hochgebirge und ihres spezifischen Verhaltens eine ungemein hohe Bedeutung für die Bestäubung von Wild- und Nutzpflanzen. Erst langsam scheint die Einsicht zu wachsen, daß es zur Honigbiene Alternativen gibt, die in bestimmten Situationen sogar deutlich besser sind. Speziell Hummeln spielen hier v.a. in nördlichen Breiten und in kühleren Klimaten eine wichtige Rolle. Aber auch in Mitteleuropa können Hummeln während kühler Witterungsperioden wichtige Bestäubungsdienste übernehmen, wenn andere Bienenarten nicht mehr ausfliegen.

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    Eine Königin der Bunthummel (Bombus sylvarum) beim Blütenbesuch am Rotklee (Trifolium pratense).
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    Eine Arbeiterin der Baumhummel (Bombus hypnorum) beim Pollensammeln an der Brombeere. Diese Hummelart ist ein wichtiger Bestäuber dieser Rosengewächse.
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    Eine Königin der Ackerhummel (Bombus pascuorum) beim Blütenbesuch an der Heidelbeere (Vaccinium myrtillus). Hummeln sind neben der Heidelbeer-Sandbiene oder Lappländischen Sandbiene (Andrena lapponica) wichtige Bestäuber dieser Wildbeere.
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    Die Strauchheidelbeere (Vaccinium corymbosum) ist zwar selbstfruchtend, doch erhöht der Besuch von Hummeln wie hier der Gartenhummel (Bombus hortorum) die Zahl der Früchte.

Rotklee wird in erster Linie von verschiedenen Hummel-Arten bestäubt, die aufgrund ihrer Rüssellänge den Nektar in der langen Kronröhre besser erreichen können. Bereits Darwin berichtete, daß 100 von Hummeln besuchte Köpfe des Rotklees 2700 Samen produzierten, während die gleiche Anzahl an Rotklee-Köpfchen nicht fruchtete, wenn der Bienenbesuch verhindert wurde. Viele Autoren schätzen, daß langrüsslige Hummeln (z. B. Bombus hortorum) 2–3 mal mehr Blüten pro Tag bestäuben als Honigbienen. Vor allem tetraploide Rotklee-Sorten mit ihren längeren Kronröhren bedürfen der Hummeln, Pelz- oder Langhornbienen als Bestäuber, da diese längere Rüssel haben als die Honigbiene.

Hummeln, Sandbienen (z. B. Andrena lapponica) und verschiedene Mauerbienen (z. B. Osmia uncinata) leisten ebenfalls gute Bestäubungsarbeit an den verschiedenen Vaccinium-Arten (Heidelbeeren, Preiselberen und Moosbeeren). Hierzu schreiben Meeuse & Morris (1984) in ihrem Buch »Blumen-Liebe. Sexualität und Entwicklung der Pflanzen«:

»Welche entscheidende Rolle die Hummeln bei der Bestäubung der Heidelbeere spielen, zeigte sich 1980 beim Ausbruch des Mount Saint Helens in Washington auf dramatische Weise. In einem großen Gebiet, das sich vom Berg aus in östlich- nordöstlicher Richtung erstreckt, wurden die Hummeln durch den bei der Katastrophe entstehenden Ascheregen völlig ausgerottet. Viele Heidelbeerpflanzen dagegen überlebten den Ausbruch: Ihnen war er sogar nützlich, da die Asche den Nährwert des Bodens erhöhte. Bei der nächsten Ernte jedoch gab es kaum Beeren.«

Als man den Rotklee in Neuseeland eingeführt hatte, fehlten die entsprechenden Bestäuber. Da Honigbienen die Saatgutproduktion nicht sichern konnten, siedelte man auf Empfehlung Darwins auch vier Hummelarten (Bombus hortorum, B. ruderatus, B. subterraneus, B. terrestris) an, die bis dahin in diesem Land gar nicht vorkamen und die bis heute überlebt haben. Die ersten erfolgreichen Versuche wurden von der Canterbury Acclimatisation Society in den Jahren 1885 und 1886 unternommen, als von insgesamt 442 Königinnen 93 die Schiffsreise überlebt hatten. Daß bestimmte Hummelarten u.a. herausragende Bestäuber von Nachtschattengewächsen (Solanaceae) sind, ist seit ca. 15 Jahren von hoher landwirtschaftlicher Bedeutung: In Europa ist Bombus terrestris heute der Standardbestäuber in Gewächshäusern. Auf anderen Kontinenten werden andere, künstlich vermehrte Hummelarten eingesetzt.

Die Einfuhr nicht heimischer Hummelarten (und anderer Bienenarten) hat allerdings auch gravierende Nachteile für die betroffenen Ökosysteme. Die sich daraus ergebenden Probleme zählt Goulson (2003)* in seinem lehrreichen Buch »Bumblebees, Behaviour and Ecology« auf:

  • Konkurrenz mit heimischen Blütenbesuchern um Nektar- und Pollenquellen.
  • Konkurrenz mit heimischen Organismen um Nistplätze.
  • Übertragung von Parasiten und Krankheitserregern auf heimische Organismen.
  • Veränderung der Samenproduktion heimischer Pflanzen (entweder Zunahme oder Abnahme).
  • Bestäubung fremdländischer Unkräuter.

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* Das Buch ist 2010 in einer Neuauflage mit etwas verändertem Titel erschienen: Bumblebees. Behaviour, Ecology, and Conservation. 317 S., Oxford University Press.

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