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Osmia adunca

(Panzer 1798)

Glänzende Natterkopf-Mauerbiene

male Osmia adunca - Männchen.
Nach dem Schlüpfen sind die Männchen noch deutlich rostrot behaart. Die Haarfarbe verblaßt jedoch durch die Wirkung des Sonnenlichts innerhalb weniger Tage und wird hellgrau.

male Osmia adunca - Weibchen.
Im Gegensatz zu der nahverwandten, meist etwas kleineren Osmia anthocopoides sind die Tergite bei Osmia adunca deutlich glänzender. Gut zu erkennen sind die schmalen, weißen Endbinden der Tergite und die weiße Bauchbürste.

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    male Osmia adunca - Männchen
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    male Osmia adunca - Weibchen

Kennzeichen

Männchen: 8–13 mm. Frisch dicht und intensiv rostrot behaart. Fühler deutlich breitgedrückt, Unterseite der Glieder 5 bis 11 lebhaft rötlichgelb. Tergit 6 am Endrand seitlich mit Zahn, Tergit 7 breit, fast rechteckig. Ähnlich sind Osmia lepeletieri, Osmia anthocopoides, Osmia ravouxi und Osmia loti.
Weibchen: 8–13 mm. Viel kürzer behaart als die Männchen, der Thorax hellbraun. Bauchbürste weiß. Tergite mit schmalen Endbinden, kurz behaart, schwarz und glänzend mir großen Punktzwischenräumen. Tibiensporne schwarz.

Osmia adunca - Paarung

Das Männchen (oben) hat ein Weibchen gepackt, um sich mit ihm zu paaren.

Verbreitung

Süd- und Mitteleuropa. In Deutschland im Süden mit höherer Verbreitungsdichte, im Norden nur vereinzelt. Auch in Österreich und in der Schweiz verbreitet. In Südwestdeutschland Schwerpunkt in Lagen unter 500 m. Im Wutachgebiet, im Hegau und im Oberen Donautal auch in höheren Lagen bis ca. 800 m. In den Alpen bis 2100 m.

Lebensraum

Das Vorkommen der Art wird von ausreichend großen Echium-Beständen (Nahrungsraum) bestimmt, die mit günstigen Nistplätzen (Felswände, Steinmauern, Wände alter Fachwerkgebäude, Löß- und Lehmwände, Totholzstrukturen in Form abgestorbener Bäume oder alter Holzpfosten) vernetzt sind. Daher trifft man die Art am ehesten auf Felsfluren und Abwitterungshalden, in aufgelassenen Kiesgruben und Steinbrüchen, in reich strukturierten Weinbergbrachen, in Bahn- und Hafenanlagen, auf steinigen Böschungen, an trockenwarmen Ruderalstellen und stellenweise auch im Siedlungsbereich (Ruderalstellen, Naturgärten, Botanische Gärten). Nistplätze und Nahrungsräume sind stets räumlich getrennt (Teilsiedler).

Echium_vulgare_Tuebingen_11_1374_730.jpg

Nistweise

Nistet in vorhandenen Hohlräumen, z.B. in Fraßgängen in altem Holz, in hohlen Pflanzenstengeln, in verlassenen Nestern von Seidenbienen (Colletes), Mörtelbienen (Megachile parietina), Pelzbienen (Anthophora) und Lehmwespen (Odynerus), in alten Kokons der Mauerbiene Osmia mustelina sowie in Löchern von Lehmwänden oder Felswänden. Besiedelt ausgesprochen gern Nisthilfen (Bambusrohr, Schilfhalme, Bohrungen in Holz mit einem Durchmesser von 5 bis 7 mm, bevorzugt 6 mm; 1–7 Brutzellen je Nest). Als Baumaterial dient ein Mörtel aus lehmigem Sand oder sandigem Lehm und kleinen Steinchen, der nach dem Trocknen (durch Speichel als Bindemittel?) sehr hart wird. Der Nestverschluß wird zusätzlich mit unterschiedlichen Materialien (z.B. Partikel von angewittertem Holz) versehen.

Osmia adunca beim Eintragen von Pollen

Ein Weibchen ist mit graublauem Echium-Pollen in der Bauchbürste zum Nest in einer hölzernen Nisthilfe zurückgekehrt.

Osmia adunca beim Sammeln von Baumaterial

Ein Weibchen sammelt mit ihren Oberkiefern vom Boden Baumaterial für Zellzwischenwand und Nestverschluß.

Osmia adunca beim Bau des Nestverschlusses

Weibchen beim Fertigen des Nestverschlusses an einer Holznisthilfe.

Osmia adunca - Nestverschluß

Fertiger Nestverschluß aus mineralischem Mörtel, auf den zusätzlich abgenagte Partikel des verwitterten Holzes aufgebracht wurden, was typisch für diese Art ist.

Osmia adunca Nestverschluß

Die starke Vergrößerung des Nestverschlusses im Querschnitt macht deutlich, daß auf die Mörtelschicht (hell) eine zusätzliche, aus verschiedenen Materialien der unmittelbaren Umgebung bestehende Schicht (dunkel) aufgetragen wird.

Osmia adunca in altem Nest

Regelmäßig besiedelt Osmia adunca alte arteigene Nester. Hier verläßt ein Weibchen gerade ein solches vorjähriges und von ihm erneut genutztes Nest in einer Nisthilfe. Der Rest des alten Nestverschlusses wird nicht entfernt.


Osmia adunca - Nest in Bambusrohr

In einem Bambusröhrchen angelegtes Nest mit 6 Brutzellen. In der zuerst gebauten Zelle (ganz links) hat eine Larve bereits den Nahrungsvorrat vollständig aufgefressen.

Osmia adunca - Brutzelle mit Ei

Blick in ein geöffnetes Bambusröhrchen mit einer Brutzelle. Auf dem Larvenproviant klebt das glänzende Ei. Der frisch gesammelte Pollen von Echium ist graublau, wird aber in der Zelle durch Zugabe von Nektar (und Drüsensekreten?) auberginefarben.

Nest von Osmia adunca mit Puppenkokons

Gegenüber dem obigen ist dieses Foto eines Nestes vergrößert. Vier Brutzellen sind zu sehen, in denen jeweils ein leicht durchscheinender Kokon liegt, der sich somit stark von den undurchsichtigen, braunen Kokons von Osmia bicornis und Osmia cornuta unterscheidet.

Osmia adunca - Puppe

Puppe, deren Komplexaugen sich bereits dunkel färben. Der von mir mit großer Sorgfalt geöffnete Kokon besteht aus einer ziemlich dünnen, weißgrauen Wand, die rechts und links der Puppe noch zu erkennen ist.

Blütenbesuch

Streng oligolektische, auf Echium (Boraginaceae) spezialisierte Art. Einzige Pollenquelle ist nahezu im gesamten mitteleuropäischen Verbreitungsgebiet der Gewöhnliche Natterkopf (Echium vulgare) als meist einziger Vertreter der Gattung Echium. Von den seltenen und unbeständig eingeschleppten Arten Echium plantagineum und Echium italicum ist die erste als Pollenquelle vielfach belegt und wird im Gegensatz zur zweiten eifrig besucht. – Echium vulgare dient gleichzeitig als fast ausschließliche Nektarquelle für beide Geschlechter. Die Männchen patrouillieren ständig die Blütenstände der Pollenquellen der Weibchen, wobei es regelmäßig zu »Rangeleien« in einer Art Schwebflug auf »Augenhöhe« mit anderen Männchen kommt. Während der Patrouillien setzen sich die Männchen oft auf Steine, dürres Holz oder kahle Bodenstellen als Rastplätze. Natterkopf-Blüten sind auch die häufigsten Nektarquellen der Männchen. Wenn diese noch nicht blühen, nutzen frisch geschlüpfte Männchen auch andere Pflanzen zur Eigenversorgung mit Nektar. Der hell bläulich-graue Pollen von Echium vulgare wird von den Weibchen trocken in der Bauchbürste transportiert. Durch Zugabe von Nektar erhält der mäßig feuchte Larvenproviant in der Brutzelle eine dunkelviolette Farbe.

Gegenspieler

Die Zweizahnbiene Dioxys tridentata soll laut älterer Literaturangaben in Frage kommen, wurde von mir jedoch noch nie an den Nestern beobachtet. Falsch sind Angaben, nach denen Stelis punctulatissima bei Osmia adunca schmarotzen soll (ihre Wirte sind Anthidium-Arten).

Ein weiterer Gegenspieler ist die Keulenwespe Sapyga quinquepunctata.

Phänologie

Eine Generation im Jahr (univoltin). Univoltin. Flugzeit von (Ende Mai) Mitte Juni bis Ende Juli, in manchen Jahren und unter günstigen Nahrungsbedingungen (spätblühende Natterkopf-Pflanzen) auch noch bis September (Männchen 30.5. bis 16.8.; Weibchen 5.6. bis 12.9.). Erscheint etwas später als Osmia anthocopoides und fliegt etwas länger. Die Männchen fliegen oft schon, bevor der Natterkopf zu blühen begonnen hat. Überwinterung als Ruhelarve in einem seidigen, weißlichen Kokon. Ein kleiner Teil der Ruhelarven überliegt.

Gefährdung und Schutz

Die Art ist noch regelmäßig dort anzutreffen, wo größere Bestände des Gewöhnlichen Natterkopfs blühen und gleichzeitig geeignete Nistplätze vorhanden sind. Sie tritt dann bisweilen auch in größerer Zahl auf. Da sie im Gegensatz zu Osmia anthocopoides vorgefundene Hohlräume verschiedenster Art zur Nestanlage nutzt, ist sie in erster Linie dort bedroht, wo Bestände oder Wuchsplätze ihrer Nahrungspflanze vernichtet werden (Mahd, Herbizidbehandlung, Beseitigung, Aufforstung oder künstliche Begrünung von »Ödland«). Da aber die früher weit verbreiteten Natterkopf-Fluren vielerorts verschwunden sind (z.B. im Umfeld von Bahnhöfen) hat sie in den vergangenen drei Jahrzehnten ebenfalls einen Rückgang erlitten. Die Duldung und Förderung der Pioniervegetation trockenwarmer Standorte ist demnach für die Erhaltung unverzichtbar. Nisthilfen werden rasch angenommen und können lokal zu individuenreichen Populationen führen, vorausgesetzt, es wird gleichzeitig für Pollenquellen gesorgt.

Große Blattrosette des Gewöhnlichen Natterkopfs am Ende des ersten Wuchsjahrs.

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Im zweiten Wuchsjahr: Blühender Gewöhnlicher Natterkopf (Echium vulgare) im Pflanzcontainer auf der Terrasse.

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Ein prächtiges Exemplar des Gewöhnlichen Natterkopfs am Rande der Terrasse vor meiner kleinen Lößwand.

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Wegerichblättriger Natterkopf (Echium plantagineum).

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    Große Blattrosette des Gewöhnlichen Natterkopfs am Ende des ersten Wuchsjahrs.
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    Es ist recht einfach, auch in Pflanzcontainern prächtige Exemplare des Gewöhnlichen Natterkopfs zu kultivieren wie hier auf meiner Terrasse. Entweder man sät direkt in den Container aus und entfernt alle Setzlinge bis auf einen oder man kultiviert Jungpflanzen in einer Saatschale oder einem Saatbeet vor und verpflanzt dann einen in einen Container. Im zweiten Jahr kommt dieser zur Blüte. Das Substrat sollte kalkhaltig und gut wasserdurchlässig sein. Der Natterkopf kann auch selbst aussamen, sofern es um das Haus herum geeignete Wuchsbedingungen gibt wie neben meiner Garage, wo zwischen den Pflastersteinen immer wieder einzelne Pflanzen gedeihen.
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    Ein prächtiges Exemplar des Gewöhnlichen Natterkopfs am Rande der Terrasse vor meiner kleinen Lößwand.
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    Wenn der Gewöhnliche Natterkopf verblüht ist, kann die Kultur des einjährigen Wegerichblättrigen Natterkopfs die Flugzeit von Osmia adunca verlängern und die Versorgung weiterer Brutzellen ermöglichen. Als alleinige Pollenquelle reicht er aufgrund seines späteren Blühbeginns aber nicht aus.

Anmerkung

Mehrfach schon wurde ich gefragt, warum ich für die Gattung Echium den deutschen Namen Natterkopf und nicht Natternkopf (mit »n«) verwende. Man findet beide Varianten mit dem Element »Natter« vor einer sogenannten Wortbildungsfuge. Bei Natternbrut, Natternbiß, Natternzüchter und wahrscheinlich auch bei Natternkopf scheinen die Formen mit dem sogenannten Fugen-n zu überwiegen. Es gibt aber auch Ringelnatternzüchter und Ringelnatterzüchter bzw. Ringelnatternbiß und Ringelnatterbiß. Ich habe mich für die Variante ohne Fugen-n entschieden, da die Blüte der Echium-Arten dem Kopf einer Natter ähnelt; vor allem die Staubblätter ähneln der gespaltenen Zunge einer Schlange. In dem von mir sehr geschätzten und oft benutzten Grundlagenwerk von Sebald, Seybold, Philippi & Wörz »Die Farn- und Blütenpflanzen Baden-Württembergs« Band 5, S. 88 verwenden die Autoren den Namen Gemeiner Natterkopf für die Art Echium vulgare. Auch die Flora des Kantons Bern von Lauber & Wagner (S. 520) und die Pflanzensoziologische Exkursionflora von Oberdorfer (S. 783) verwenden den Pflanzennamen ohne »n«. Es gibt durchaus aber auch Floren (Rothmaler, Schmeil-Fitschen), in denen Natternkopf steht. Weder die eine noch die andere Variante ist falsch und kann synonym benutzt werden.

 Weitere Fotos mit Großansichten


Ein Männchen trinkt Nektar in einer Schöterich-Blüte (Erysimum).

Ein Weibchen im Anflug an eine Blüte.

Ein frisch geschlüpftes Männchen sonnt sich.

Ein Weibchen schaut aus seiner Niströhre heraus.

Die Goldwespe Chrysis austriaca ist ein charakteristischer Schmarotzer von Osmia adunca und oft an deren Nestern zu finden.y/