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Nutznießer und Gegenspieler

Vertreter verschiedenster Organismengruppen leben von Bienen oder entwickeln sich in ihren Nestern. Viele dieser Organismen sind derart hochspezialisiert, daß sie ohne bestimmte Bienenarten gar nicht existieren können. Wenn wir also Wildbienen erhalten und fördern, sorgen wir auch für den Schutz dieser Lebewesen. Wichtige Gegenspieler der Wildbienen werden in diesem Kapitel auf jeweils eigenen Seiten behandelt.

Das Spektrum der Lebensformtypen reicht von einfachen Nutznießern über Räuber bis hin zu Parasiten. Mitesser (Kommensalen) leben von Nahrungsüberschüssen oder von Abfällen eines anderen Organismus, ohne diesen direkt zu schädigen. Verschiedene Milben und manche Käfer leben auf diese Weise als Einmieter in Bienennestern. Bei massenhaftem Auftreten kann es allerdings zu einer Schädigung des Quartiergebers kommen. Bienen werden auch als Transportmittel zu einer Ortsveränderung benutzt, z.B. von den Larven der Ölkäfer. Diese Form der Nutznießung bezeichnet man als Phoresie.

Stellt sich der Nutzeffekt für die Partner aber so dar, daß ein Partner eindeutig der geschädigte ist, während der andere einen erheblichen Nutzen erfährt, handelt es sich um eine Antibiose. Im allgemeinen Sprachgebrauch wird der schädigende Partner (Räuber, Parasit, Krankheitserreger) als »Feind« des anderen bezeichnet. Dieser Begriff ist jedoch sehr negativ besetzt und seine Anwendung hängt von dem jeweiligen Blickwinkel ab. Die entsprechenden Organismen können aber in den durchweg hochkomplexen, kaum völlig durchschaubaren Ökosystemen auch eine regulatorische Funktion haben. Sie können z.B. eine zu starke Vermehrung einer Art verhindern, deren Population ohne den Regulator möglicherweise durch Nahrungsverknappung zusammenbrechen würde. Daher ziehe ich den Begriff »Gegenspieler« (Antagonist) vor.

Räuber

Die auffallendste Form des Gegenspielers ist der Räuber (Predator), der sich selbst oder seine Brut mit erbeuteten Tieren ernährt. Typische Räuber sind z.B. Spinnen oder insektenfressende Vögel. Die Beutetiere werden meist sofort getötet.

Auch unter den Stechimmen gibt es räuberisch lebende Arten, die bestimmte Beutetiere überfallen, mit ihrem Giftstachel aber nur lähmen und mit dieser »Frischkonserve« ihre Brut versorgen. Solche Beutejäger sind z.B. die Grabwespen. Bienen spielen als Beutetiere einiger hochspezialisierter Räuber eine große Rolle.

Parasiten

Eine weitere Form des Gegenspielertums ist der Parasitismus (Schmarotzertum). Bei ihm handelt es sich um eine besondere Form der Wechselbeziehung zwischen artverschiedenen Organismen, bei der der Vorteil einseitig bei einem Partner, dem Parasiten, liegt, der auf Kosten des anderen Partners, des Wirtes, lebt. Im Tierreich ist der Parasitismus weit verbreitet. Keine Parasitenart kann jedes beliebige Tier als Wirt nutzen. Die Wirtsspezifität kann gering sein (z.B. Erzwespe Melittobia acasta), aber auch sehr hoch (z.B. Keulenwespe Sapygina decemguttata). Parasiten können für ihre Wirte insofern eine große Rolle spielen, als sie Teilpopulationen erheblich reduzieren können. Es gibt die unterschiedlichsten Formen von Parasitismus, die bisweilen ineinander übergehen. Unter den bei Bienen lebenden Schmarotzern kann man zwischen Echten Parasiten, Parasitoiden, Brut- oder Futterparasiten und Sozialparasiten unterscheiden.

Echte Parasiten

Echte Parasiten gewinnen von ihrem Wirt Nahrung und töten ihn dabei nicht, führen aber zu seiner Schädigung. Je nach Besiedlung der Körperoberfläche des Wirtes oder seines Körperinneren unterscheidet man Ektoparasiten (z.B. Varroa‑Milbe der Honigbiene) und Endoparasiten (z.B. Fadenwürmer, Fächerflügler).

Parasitoide (Raubparasiten)

Parasitoide töten im Gegensatz zu echten Parasiten ihren Wirt im Verlauf ihrer Entwicklung. Sie nehmen also eine Mittelstellung zwischen Räuber und Parasit ein, weswegen man sie auch als Raubparasiten bezeichnet. Diese Form des Parasitismus ist vielfach abgewandelt. Im Falle der bei Wildbienen schmarotzenden Parasitoide befällt die Schmarotzerlarve die erwachsene Wirtslarve oder die Ruhelarve und saugt diese nach und nach aus. Dabei werden häufig zunächst die lebenswichtigen Organe geschont (parasitische Phase); erst im Verlauf der weiteren Entwicklung wird der Wirt umgebracht (räuberische Phase). Typische Parasitoide von Wildbienen sind Schlupfwespen, viele Erzwespen, Raupenfliegen und einige Goldwespen. Manche von ihnen sind obligatorische oder fakultative Hyperparasitoide und befallen die Larven anderer Parasitoide oder Futterparasiten. Die adulten Parasitoide sind Blütenbesucher, leben also nicht parasitisch.

Brutparasiten

Eine weitere Form des Parasitismus ist der Brutparasitismus. Die Brutparasiten nutzen die Brutpflegeleistungen anderer Hautflügler aus. Sie bauen keine eigenen Nester, sondern schmuggeln ihr eigenes Ei während der Verproviantierungsphase in die Brutzelle ihres Wirtes und werden daher auch »Kuckucksbienen« bzw. »Kuckuckswespen« genannt. Die Schmarotzerlarve saugt das Wirtsei aus bzw. tötet die junge Wirtslarve und verzehrt anschließend den Futtervorrat. Wir sprechen deshalb auch von Futterparasiten. In der angoamerikanischen Literatur wird überwiegend der Begriff "Kleptoparasiten" (vom griechischen kleptein = stehlen) gebraucht. Typische Brutparasiten sind die Kuckucksbienen, von denen es bei den Wildbienen mehrere Gattungen gibt. Die Kuckucksbienenlarve beseitigt den Nahrungskonkurrenten, indem sie die junge Wirtsbienenlarve tötet. Weitere typische Brutparasiten von Wildbienen sind die Keulenwespen (Sapygidae), deren Larven zunächst das Wirtsei aussaugen und sich dann über den Proviant hermachen. Auch die Schmalbauchwespen (Gasteruptionidae) sind gewöhnlich Futterparasiten, verhalten sich als ältere Larven oft auch räuberisch. Alle Brutparasiten leben als Imagines nicht parasitisch, sondern ernähren sich von Blütennektar oder Pflanzenteilen (Ölkäfer). Die Ölkäfer‑Larven sind zu Beginn ihrer Entwicklung typische Brutparasiten, dringen sie in andere Brutzellen vor, können sie sich (ähnlich wie die Schmalbauchwespen) auch räuberisch verhalten.

Sozialparasiten

Bei sozialen Hautflüglern gibt es außerdem sogenannte Sozialparasiten, die weder eigene Nester bauen noch Nahrung sammeln, sondern ihre Brut von bestimmten Wirten aufziehen lassen. Unter den Wildbienen leben die Schmarotzerhummeln (Bombus partim) sozialparasitisch.

Mikororganismen

Zu den Gegenspielern der Bienen kann man auch die pathogenen (krankmachenden) Mikroorganismen rechnen, die deren Lebensprozesse ungünstig beeinflussen und teilweise auch zu ihrem Tode führen können.


Parasiten oder Krankheitserreger, die nur von der Honigbiene (Apis mellifera) bekannt sind, werden in diesem Kapitel nur teilweise und nur dann berücksichtigt, wenn die entsprechende Organismengruppe auch für Wildbienen von Bedeutung ist.

 

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